Kniescheibenprobleme / -verrenkungen

Die Kniescheibe (patella) ist ein sog. Sesambein. Sesambeine sind in die ansatznahen Verläufe hochbelasteter Muskel-Sehnen-Gewebe eingelagert, um deren Angriffspunkt und damit Kraftentwicklung zu verbessern und an Umlenkstellen Sehnenschäden zu vermeiden.

Die Kniescheibe ist in die Endstrecke des vierköpfigen Oberschenkelmuskels (quadrizeps femoris) eingelagert und verbindet an der Knievorderseite die Quadrizepssehne über das Patellasehnenband (ligamentum patellae) mit dem Unterschenkel (Knochenvorsprung an der Schienbeinvorderseite, tuberositas tibiae).
Sie besitzt an der Rückfläche einen dicken hyalinen Knorpelbelag, ist schmetterlingsartig geformt und läuft in einer Gleitrinne des Oberschenkelknochens (femorales Patellagleitlager). Auch das Gleitlager ist von hyalinem Knorpel bedeckt. Die gelenkige Verbindung wird Kniescheibengelenk genannt (retropatellares Kniegelenkskompartiment) und gehört als eigenständiger Abschnitt zum kompliziert aufgebauten Kniegelenk.

Es gibt Erkrankungen, die das gesamte Kniegelenk innenseitig, außenseitig und kniescheibenrückseitig betreffen. Meist ist in jungen Jahren nur eines dieser drei Kniegelenkskompartimente durch Fehlanlage, Fehlbelastung oder durch Unfälle betroffen.

Die häufigsten Beschwerden gehen vom Kniescheibengelenkteil aus.
Sehr oft ist dabei nur die Funktion, d.h. ein passgerechtes Gleiten der Kniescheibe in der Gleitlagerrinne gestört. Die ideale Führung der Kniescheibe benötigt nämlich sowohl eine ausreichende Kraft als auch eine gute koordinative Abstimmung der vier Oberschenkelmuskelköpfe, die den lose in die Sehne eingelagerten Kniescheibenknochen führen.

Diese optimale Führung kann gestört sein durch
  • fehlerhafte Spannung der Kniescheiben-Haltebänder (Retinakula, MPFL) strecknah in Veranlagungs- oder Verletzungsfolge,
  • knöcherne Wachstumsstörungen mit verstärkter X-Beinstellung oder verstärkter Drehung des Oberschenkel- oder Unterschenkelknochens ("Schielen" der Kniescheiben nach innen)
  • funktionelle Bein-Achsen-Instabilität als Folge der Schwäche der Becken-/ Rumpfmuskulatur, der hüftumgreifenden Muskulatur sowie der Beinmuskelkraft und Koordination mit meist gleichzeitig deutlichem Knicksenkfuß.

Wichtig ist die frühzeitige Erkennung, damit ein optimales auf Kraft und Koordination ausgerichtetes Trainingsprogramm angeleitet werden kann. Sekundäre Knorpelveränderungen können damit verhindert oder zumindest deutlich hinausgezögert werden.
Die Muskulatur durch extreme Schonung weiter zu schwächen, ist genauso falsch, wie umgekehrt durch Sprünge, Stöße oder Stauchungen - vor allem bei erkannten Anlageanomalien und Schwächen - den Knorpel willkürlich weiter zu überlasten und zu schädigen.
Zwei Beispiele schwerster Knorpelschäden hinter der Kniescheibe


Osteochondrale traumatische Läsion Patellagleitlager


Chondromalazie Grad 3 - Patellarückfläche



Sehnenersatzmodell für das MPFL-Band

Die Genetik spielt natürlich eine sehr große Rolle, weil nicht nur die Form des Gelenks, sondern auch die Widerstandsfähigkeit und Festigkeit des Gelenkknorpels veranlagt ist.

Im Beschwerdefall bieten sich folgende konservative Behandlungsmaßnahmen an:

  • Optimales und zunächst durch einen Physiotherapeuten angeleitetes Muskel-Kraft- und Koordinationstraining mit besonderer Beachtung der Wirbelsäulenstellung, der Becken- und Beinachsenstabilisierung
  • Konsequenter Verzicht auf besonders belastende Sportarten
  • Knorpelstützende Medikamente oder Injektionen
  • Kniescheibenführungsbandagen
  • Ergänzende Maßnahmen wie Elektrotherapie, Friktionstechniken, Tape-Zügel und vieles mehr


Gleitet die Kniescheibe trotz konsequenter Therapie über 6 bis 12 Monate in einer permanenten Kippstellung oder schnappt sie anhaltend schmerzhaft, wird ein operativer Eingriff zu diskutieren sein. Dies ist natürlich auch der Fall, wenn mehrfach Teil- oder Vollverrenkungen der Kniescheibe aus ihrem Gleitlager erlebt wurden.

Eine Verbesserung der Kniescheibenführung kann erreicht werden durch:

  • Rekonstruktion des medialen (innenseitigen) Halteapparates (MPFL) der Kniescheibe aus lokalem Gewebe nach Überdehnung mit ausreichender Narbendicke oder durch Sehnenersatz des Haltebandes mit Gracilis- oder Quadrizepssehne.
  • Sehr selten sind ergänzende Erweiterungsplastiken des äußeren Haltebandes (Retinakulum) bei Verkürzung nötig.
  • Verlagerung des knöchernen Ansatzes des Kniescheibenbandes (Ligamentum patellae) mit Versetzung der Tuberositas Tibiae
  • Bein-Achsen-Begradigungen alleinig oder in Kombination mit Dreh-Osteotomien an Oberschenkel und/oder Unterschenkel

 

Wir können auf operativem Wege Knorpelschäden bearbeiten ("Knorpelshaving") oder durch Stimulations- und Transplantationstechniken Ersatzknorpel schaffen.
Lesen Sie dazu das Kapitel Knorpelschäden / Arthrose und insbesondere dort: Operative Therapien bei Knorpelschäden.

Entscheidend für die Therapieplanung ist die exakte Diagnose, die von Statik, Beinachse, Kniescheibenführung, Ausmaß und Tiefe der Knorpelschäden und natürlich vom Erfolg oder Misserfolg evtl. vorausgegangener konservativer Therapieversuche abhängt.

Ganz besonders bei Schmerzen im Kniegelenk benötigen Sie die bestmögliche Beratung durch einen langjährig erfahrenen Spezialisten, um unnötige operative Eingriffe zu vermeiden oder vor notwendigen Eingriffen die realistische Erwartungshaltung zu besprechen, um so später Enttäuschungen oder gar Fehlschläge zu vermeiden!